Cleantech-Startups: Deutsche Versorger als Brücke durch das Tal des Todes?

23. May 2017 von Dr. Marius Buchmann
Cleantech-Startups: Deutsche Versorger als Brücke durch das Tal des Todes?

Im Zeitraum von 2006 bis 2008 war Clean Tech eines der heißesten Themen für Risikokapitalfonds. Am MIT haben Gaddy et al. (2016) die Daten von Clean Tech mit zwei anderen Technologiesektoren verglichen: Software und Medizin. Im Jahr 2010 erwarb Google Nest, was der einzige Grund dafür ist, dass der IRR im Jahr 2010 für Cleantech über -25 % liegt. Die ersten beiden Gründe können erklären, warum Cleantech im Vergleich zu Software-Start-ups unterdurchschnittlich abschneidet und warum sich die meisten Start-ups außerhalb des Cleantech-Sektors auf digitale Produkte oder Dienstleistungen konzentrieren. Hohe Investitionskosten für RandD und Produktion sind auch für den medizinischen Sektor erforderlich

Die am wenigsten aktiven Versorger kommen aus Europa, wobei zwei deutsche Versorger (E.on und RWE) unter den Top 5 zu finden sind. Die Analyse in diesem Papier kommt zu folgendem Ergebnis: Die erneuerbaren Energien in Deutschland senken den durchschnittlichen Preis (-50 % zwischen 2008 und 2014) für die Stromerzeugung, die über den Spotmarkt verkauft wird, was die Einnahmen für konventionelle Kraftwerke verringert.


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4 Gründe, warum Cleantech-Startups in der Vergangenheit gescheitert sind

Die Gründung eines neuen Unternehmens im Energiesektor, insbesondere in der Cleantech-Branche, ist riskant und nicht immer erfolgreich. Dennoch war Cleantech in der Zeit von 2006-2008 eines der heißen Themen für Venture Capital Fonds.

John Doerr, ein Partner bei der prominenten Silicon Valley VC-Firma Kleiner Perkins, verkündete 2007 in einem TED-Vortrag: "Grüne Technologien - grün zu werden - ist größer als das Internet. Es könnte die größte wirtschaftliche Chance des 21. Jahrhunderts sein."

Im Grunde wurde dieser Enthusiasmus für saubere Technologien durch die hohen Ölpreise angetrieben, von denen man erwartete, dass sie weiter und weit über 100 $/Barrel steigen würden. Heute wissen wir, dass diese Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Auch die Cleantech-Startups konnten die hohen Erwartungen nicht erfüllen. Am MIT haben Gaddyet al. (2016) die Daten von Cleantech mit zwei anderen Technologiesektoren verglichen: Software und Medizin. Aus diesen Daten können wir lernen, dass Cleantech-Startups im Vergleich zu Startups in den anderen Sektoren sehr schlecht abschnitten (obwohl die beiden Sektoren ein vergleichbares Umfeld für Startups hatten).

Figure 1: Risk and reward for cleantech investors compared to software and medical technologies (source: Gaddy et al. (2016))

Abbildung 1: Risiko und Ertrag für Cleantech-Investoren im Vergleich zu Software und Medizintechnik (Quelle: Gaddy etal. (2016))

Abbildung 1 veranschaulicht die relativ hohe Misserfolgsrate von Cleantech-Startups sowie den daraus resultierenden niedrigen internen Zinsfuß (IRR). Im Jahr 2010 hat Google Nest übernommen, was der einzige Grund ist, warum die IRR im Jahr 2010 für Cleantech über -25 % liegt.

Was sind nun die Gründe, warum sich Cleantech-Startups so sehr abmühen?

Gaddy et al. (2016) identifizieren vier Gründe, die uns helfen zu verstehen, warum Cleantech-Startups im Vergleich zu Software- und Medizin-Startups so schlecht abschneiden.

  1. Cleantech-Entwicklung braucht Zeit (normalerweise länger als die 3-5 Jahre, die von Risikokapitalfonds erwartet werden)
  2. Cleantech ist teuer in der Skalierung, da Sie große Fabriken benötigen, noch bevor Ihr Produkt fertiggestellt ist
  3. Cleantech konzentriert sich auf Rohstoffmärkte mit hohem Wettbewerb und geringen Margen, was die Möglichkeiten für Investitionen in Forschung & Entwicklung reduziert
  4. Cleantech hinkt etablierten Unternehmen hinterher, die bereit sind, das Risiko einzugehen und Startups zu übernehmen

Die ersten beiden Gründe können erklären, warum Cleantech im Vergleich zu Software-Startups unterdurchschnittlich abschneidet und warum sich die meisten Startups außerhalb des Cleantech-Sektors auf digitale Produkte oder Dienstleistungen konzentrieren. Aber auch im medizinischen Bereich sind hohe Investitionskosten für F&E und Produktion erforderlich. Hier verliert Clean Tech den Vergleich aufgrund des letzten oben genannten Grundes. Während Unternehmen aus dem medizinischen Sektor immer bereit waren, in Startups zu investieren, um die Lücke zwischen Venture Capital und Massenmarkt zu schließen, war dies bei Energieversorgern nicht der Fall. Cleantech-Startups befanden sich daher imTal des Todes zwischen Prototyping und Massenmarkt. Doch das ändert sich.

Die Investitionen von Energieversorgern in Startups steigen

Seit 2013 haben Energieversorger in den USA und der EU sowohl ihre Venture-Capital-Investitionen als auch ihre Akquisitionsaktivitäten erhöht. Während die Investitionen aus den Jahren 2013 und 2014 deutlich höher waren als im Zeitraum von 2010 und 2012, fand die eigentliche Aktion in den Jahren 2015 und 2016 statt, so die Daten von GTMResearch. Diese Entwicklung ist in Abbildung 2 zusammengefasst.

Figure 2: Utiliy Investments in Distributed Energy Companies in the US and EU, 2010-2016 (source: GTM Research, 2017)

Abbildung 2: Investitionen in Unternehmen im Bereich der dezentralen Energieversorgung in den USA und der EU, 2010-2016 (Quelle: GTMResearch, 2017)

Wichtig ist, dass die von GTM Research berichteten Zahlen wahrscheinlich nur einen Bruchteil der tatsächlichen Investitionen darstellen, da diese oft vertraulich sind. Dennoch veranschaulicht Abbildung 2 recht gut, dass die Versorger ihre Investitionen in EE-bezogene Geschäftsbereiche in den letzten Jahren erheblich ausgeweitet haben. Ein großer Teil der aktivsten Versorger kommt aus Europa, wobei zwei deutsche Versorger (E.on & RWE) unter den Top 5 zu finden sind.

Figure 3: Top Five Utility distributed energy investment portfolios (source: GTM Research 2017)

Abbildung 3: Top Five der Investitionsportfolios von Versorgern im Bereich dezentraler Energie (Quelle: GTMResearch 2017)

Aufgrund der Energiewende können wir davon ausgehen, dass deutsche Versorger einen Standortvorteil haben, wenn es um Cleantech-Investitionen geht, verglichen mit Unternehmen aus Regionen, in denen die erneuerbare Stromversorgung (EE) weniger relevant ist. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Situation in Deutschland und was sich hier verändert hat.

Drei Gründe, warum Deutschland der Inkubator Nr. 1 für Cleantech-Startups werden könnte

1. Kannibalismus-Problem der RES gelöst

Bis 2015 waren deutsche Energieversorger recht zurückhaltend bei Investitionen in EE und in Unternehmen, deren Business Case ausschließlich auf diese Technologien ausgerichtet war. Dies lag vor allem daran, dass eine Investition in EE zu einem Kannibalismus des konventionellen Stromerzeugungsgeschäfts geführt hätte. In diesemPapierdiskutieren wir, wie die Versorgungsunternehmen in Deutschland durch EE herausgefordert wurden und wie sie versuchten, sich ab 2015 an diese Situation anzupassen. Zusammengefasst läuft die Analyse in diesem Papier auf Folgendes hinaus: EE in Deutschland senken den durchschnittlichen Preis (-50 % zwischen 2008 und 2014) für die Stromerzeugung, die über den Spotmarkt verkauft wird, was die Einnahmen für konventionelle Kraftwerke reduziert. Seit 2010 haben diese Preissenkungen ein Niveau erreicht, bei dem es für konventionelle Kraftwerke schwierig wird, zumindest kostendeckend zu arbeiten. Daher würde eine Investition eines Versorgungsunternehmens in EE oder EE-verwandte Geschäftsbereiche zu einer weiteren Reduzierung der Einnahmen aus dem konventionellen Geschäft führen, weshalb wir in diesem Zusammenhang von Kannibalismus sprechen.

In der Folge konzentrierten sich die Energieversorger auf ihr konventionelles Geschäft und zögerten, in EE-bezogene Geschäfte zu investieren. Ab 2015 änderten die beiden größten Energieversorger in Deutschland ihre Strategie. Sowohl E.on als auch RWE spalteten ihre Unternehmen in zwei unabhängige Sparten auf: Ein Unternehmen, das sich auf das konventionelle Erzeugungsgeschäft konzentriert (uniper im Falle von E.on und RWE) und ein Unternehmen für EE, Handel und Netzbetrieb (E.on und innogy im Falle von RWE). Mit diesen Aufspaltungen wurde das Kannibalismus-Problem obsolet: innogy und E.on haben nun keine konventionellen Kraftwerke mehr in ihrem Portfolio, was ihnen die Freiheit gibt, in EE und EE-bezogene Geschäfte zu investieren.

2. Energieversorger etablieren neue Innovationsprozesse

Neben der Veränderung der Organisationsstruktur haben sowohl innogy als auch E.on neue Innovationsprozesse eingesetzt. Während Startups und Startup-Investitionen früher keine große Rolle im deutschen Versorgungssektor spielten, hat sich dies seit 2015 in gewissem Maße geändert. Viele deutsche Versorger haben Accelerator-Programme für Energie-Startups eingerichtet, darunter auch E.on und innogy. Diese Entwicklungen stehen zwar noch am Anfang, sind aber ein Meilenstein auf dem Weg zu einer stärker innovationsorientierten Energiewirtschaft.

3. Digitalisierung reduziert Entwicklungszeit und Vorabinvestitionen

Parallel zu diesen Entwicklungen auf der Investorenseite verändert sich gerade ein weiterer sehr grundlegender Charakter von Cleantech: Durch die zunehmende Digitalisierung brauchen Innovationen weniger Zeit und Geld. Für Details zur Digitalisierung in der deutschen Energiewirtschaft schauen Sie sich unseren Beitrag anhier.

Bislang war Cleantech auf Produktions- oder in einigen Fällen auf Verbrauchsanlagen wie Stromgeneratoren beschränkt. Mit Smart Metering und anderen intelligenten Netz-Assets werden nun Daten über Energieverbrauch, Produktion und die Netzinfrastruktur verfügbar. Startups können diese Daten nutzen, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dadurch verschiebt sich die Innovation von Technologien mit hohen Investitionen hin zu weniger teuren digitalen Anwendungen. Wir wissen aus der Telekommunikationsbranche, dass ein Wechsel von kapitalintensiven Innovationsprozessen hin zu datengetriebenen Geschäftsmodellen den Innovationsprozess beschleunigen kann. Vielleicht werden wir eine ähnlich dynamische Marktentwicklung auch innerhalb einer digitalen Energiewirtschaft sehen. Für den Moment können wir zumindest schlussfolgern, dass die fortschreitende Digitalisierung des Energiesektors dazu beiträgt, zwei zentrale Herausforderungen für Cleantech-Startups in der Vergangenheit und zwei Hauptgründe für das Tal des Todes für Cleantech-Startups zu adressieren: lange Entwicklungszeiten und hohe Vorabinvestitionen in Produktionsanlagen.

Fazit

Ob diese zunehmenden Investitionsaktivitäten der Energieversorger zusammen mit den ersten Versuchen der Digitalisierung des Energiesektors bereits ausreichen werden, um das "Tal des Todes" für Cleantech-Startups zu überwinden, kann aus heutiger Sicht nicht beantwortet werden. Aber zumindest gibt es etwas Licht am Horizont für die Cleantech- & EE-bezogene Startup-Branche.

Was sind Ihre Erwartungen? Werden wir bald eine signifikante Veränderung in der energiebezogenen Cleantech-Startup-Szene in Deutschland sehen? Was sind die größten Hindernisse aus Ihrer Sicht? Haben Sie Beispiele, die den veränderten Innovationsansatz der deutschen Energieversorger zeigen?

Ursprünglich hiergepostet