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Kohlenstoffneutralität definieren: Nicht so einfach, wie es scheinen mag

05. Oktober 2020 von Stefan M. Buettner
Kohlenstoffneutralität definieren: Nicht so einfach, wie es scheinen mag

Wie sind die Begriffe 'Dekarbonisierung' und 'Kohlenstoff Neutralität'? Es geht nicht darum, den Kohlenstoff selbst zu entfernen - es ist die Verbindung von Kohlenstoff und Sauerstoff (Kohlendioxid), die schädliche Folgen für das globale Klima mit sich bringt. Kohlendioxid (CO2) reichert sich in der Atmosphäre durch natürliche und anthropogene Prozesse an. In der Atmosphäre absorbiertCO2 Wärme und führt so zu einer Erwärmung der Atmosphäre.

 

 

 

Es gibt nebenCO2 noch andere Stoffe, die eine ähnliche Wirkung auf die Atmosphäre haben und deshalb auch als Treibhausgase oderCO2 -Äquivalente die Erderwärmung fördern[1].

 

 

 

Schließt die Klimaneutralität auch diese Emissionen mit ein? Was bedeutet Klimaneutralität? Streben wirCO2-Neutralität an? Reicht dieCO2-Neutralität aus, um die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Ziele zu erreichen? Oder müssen dazuCO2-Äquivalente einbezogen werden? Ist ein vollständiger Verzicht auf Treibhausgase gleichbedeutend mit Klimaneutralität? Und: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Klimaneutralität und Umweltneutralität?

 

 

 

Ist darüber hinaus "Neutralität", definiert als absolute Neutralität (keine Emissionen mehr), oder ist "Nettoneutralität" das Ziel, definiert als Neutralität nach Aufsummierung aller positiv und negativ beitragenden Faktoren (verbleibende Emissionen werden durch Ausgleichsmaßnahmen, z.B. Baumpflanzungen oder Kauf von Emissionszertifikaten, ausgeglichen)?

 

 

 

Dies zu konzeptualisieren ist essentiell, um Klimaziele zu setzen und entsprechende Politiken umzusetzen. Wenn sie nicht richtig definiert sind, führen falsche Vorstellungen zwangsläufig zu ineffizienten Ansätzen und Streitigkeiten bei der Umsetzung. Diesbezüglich müssen die Fähigkeiten und Eigenschaften jedes Akteurs - und insbesondere auf der Makroebene gesellschaftliche, geopolitische und strategische Überlegungen von Nationalstaaten - einbezogen werden, bevor Begriffe und Empfehlungen festgelegt werden.

 

 

 

Handlungen, die unterschiedliche Neutralitätsstufen erreichen:

 

 

 

Kohlenstoff-Neutralität

 

  • Reduzierung derCO2-Emissionen
  • CO2-Kompensationsmaßnahmen

 

 

 

Klimaneutralität

 

  • Reduktion & Kompensation von CO2und anderen Treibhausgasen (GHG[2]) mit Treibhauspotenzial (GWP[3][4]):CO2-Äquivalente[5]
  • nicht fluoriert: Methan (CH4), Distickstoffoxid (N2O)
  • fluoriert: Fluorkohlenwasserstoffe (HFC), Perfluorkohlenwasserstoffe (PFC), Schwefelhexafluorid (SF6), Stickstofftrifluorid (NF3)

 

 

 

Umweltneutralität

 

  • Vermeidung & Kompensation der oben genannten und aller anderen Mittel, die sich negativ auf Umwelt und Gesundheit auswirken (z.B. Pestizide, Stickoxide (NOx), Ruß, Schwefeldioxid (SO2), Feinstaub, etc.)

 

 

Notwendigkeit, Klarheit über die Zielgröße zu schaffen

 

Wie sollen Entscheidungsträger gute Entscheidungen treffen können, wenn die zu entscheidende bzw. zu handelnde Fragestellung selbst nicht hinreichend klar ist: Wenn z.B. Klimaneutralität das proklamierte Ziel ist, ist das angestrebte Ziel die Neutralisierung allerCO2-Emissionen oder erstreckt sich das Ziel auch aufCO2-Äquivalente, was das eigentliche Ziel zur Klimaneutralität verändert?

 

 

 

Klarheit über die Zielvariable ist also essentiell, um gute Entscheidungen zu treffen, das Vorhandensein oder Fehlen einesCO2- '-eq.'-Zusatzes verändert den Umfang und die entsprechende Strategie erheblich. Die Herausforderung dabei ist insbesondere, dass die Entscheidungsträger in der Regel - zumindest sollte es so sein - davon ausgehen, dass der Kontext eindeutig ist. Eindeutigkeit erfordert daher, dass sich alle beteiligten Stakeholder der klaren Definition(en) des besprochenen Themas bewusst sind, sowie eine klare Kommunikation untereinander.

 

 

 

 

 

Beispiel:

 

Die häufig verwendete Antwort auf die Frage "Wissen Sie, was ich meine?" - "Ja, ich verstehe" - gaukelt ein vermeintlich gemeinsames Verständnis für den betreffenden Sachverhalt vor, während dies in Wirklichkeit "Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen" bedeutet und das Erreichen des (eigentlich beabsichtigten) Ziels erheblich beeinträchtigen, verzögern oder verhindern kann bzw. Zeit und Ressourcen verschwendet.

 

Dies erfordert die Sicherstellung eines gegenseitigen Verständnisses über Ziele und Definitionen statt gut gemeinter Annahmen (z.B. 'lass uns etwas Gutes für die Umwelt tun' oder im persönlichen Kontext 'lass uns gemeinsam etwas Schönes machen' -> die Wahrscheinlichkeit, dass unter 'gut' oder 'schön' etwas ganz anderes verstanden wird, ist hoch): Daher ist eine (Auftrags-)Klärung, bei der die Beteiligten jedes Element als Teil der Zielerreichung oder als ausgeschlossen definieren, entscheidend.

 

 

 

Im Kontext dieses Dokuments: werdenCO2-Äquivalente berücksichtigt (also THG mit dem entsprechenden Ziel der 'Klimaneutralität') oder nicht?

 

 

 

Abgesehen von der Zielsetzung muss die Messung des Fortschritts in Bezug auf das gesetzte Ziel konsequent und auf die gleiche Art und Weise anhand von Statistiken mit der gleichen Definition erfolgen. Wenn es sich nicht um ein absolutes Ziel wie Netto-Null handelt oder Meilensteine beinhaltet, ist die Definition von Basiszahlen wesentlich (z. B. x % Reduktion bis 2030. Dies basiert häufig auf den Zahlen von 1990, kann aber nicht vorausgesetzt werden, es sei denn, es wird klar angegeben).

 

 

 

Weniger wichtig auf lange Sicht, aber kritisch in der Anfangsphase ist, ob frühe Meilensteine angestrebt werden, d. h. Strategien abgeleitet oder Verträge ausgeschrieben sind oder die Strategien genehmigt und die Verträge vergeben und unterzeichnet sind. Hier ermöglicht nur absolute Klarheit die Machbarkeit von Zeitplänen und ein erfolgreiches Vorankommen.

 

 

 

In der Praxis werden jedoch oft Klima- und Umweltneutralität sowie Kohlenstoff- und Klimaneutralität verwechselt. Das bedeutet, dass eine klare und gemeinsame Definition und ein Verständnis des Ziels (also Kohlenstoff-, Klima- oder Umweltneutralität ), des angestrebten Ziels und des damit verbundenen Zeitrahmens für das Erreichen sinnvoller und dauerhafter Klimaziele unerlässlich sind.

 

 

 

Lesen Sie mehr: Die Ambition der Klimaneutralität einrahmen

 

 

 

Endnote:

 

[1] was wiederum zu einer Kettenreaktion führt, die eine Veränderung des Klimas und damit des komplexen Ökosystems zur Folge hat

 

[2]https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Glossary:Greenhouse_gas_(GHG)

 

[3]https://unfccc.int/process/transparency-and-reporting/greenhouse-gas-data/greenhouse-gas-data-unfccc/global-warming-potentials

 

[4]https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Glossary:Global-warming_potential_(GWP)

 

[5]https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Glossary:Carbon_dioxide_equivalent

 


Über Stefan M. Buettner

Buettner

Stefan M. Buettner ist Director of Global Strategy & Impact beim EEP - Institute for Energy Efficiency in Production und Vorsitzender der UNECE Task Force on Industrial Energy Efficiency.


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